Andrologie ...eine unabhängi­ge Spezialität in der Medizin oder eine interdiszipli­näre Institution?

Unter ANDROLOGIE verstehen wir im allgemeinen die Lehre der Zeugungsfähigkeit des Mannes.


Szerző: Carl Schirren

Unter ANDROLOGIE verstehen wir im allgemeinen die Lehre der Zeugungsfähigkeit des Mannes. Sie hat sich aus dem Bedürfnis entwickelt, in Analogie zur Gynaekologie einen mit dieser gleichberechtigten Partner in der medizinischen Wissenschaft zu schaffen. Zugleich müssen wir aber feststellen, dass sich auch in der Bevölkerung verstärkt der Wunsch festigte, den Anteil des Mannes an der Fortpflanzungsmedizin stärker herauszustellen und zwar sowohl im Hinblick auf die Patientenversorgung als auch im Hinblick auf die Erforschung des Fortpflanzungsgeschehens. Dadurch wurde es notwendig, dass spezielle Einheiten geschaffen wurden.

Die Andrologie ist also gewissermassen in eine Lücke vorgestoßen, da bisher Fragen der Fortpflanzung beim Menschen durch die Gynaekologie beantwortet worden sind. Man war also in früherer Zeit davon ausgegangen, dass die Ursache einer Kinderlosigkeit auf Seiten der Frau zu suchen sei. Mit dem Eintritt in die Neuzeit änderte sich diese Einstellung. So können wir bereits im 19. Jahrhundert den Begriff der Andrologie im Schrifttum vorfinden. Auch ein amerikanischer Kongress widmete dieser Fachrichtung seine besondere Aufmerksamkeit, ohne dass sich etwa die übrige wissenschaftliche Welt dieses Begriffes bediente. Das war erst im Jahre 1951 der Fall, als der Bonner Gynaekologe Harald Siebke den Begriff Andrologie verwendete, indem er den Dermatologen den Rat gab, da sie doch die Spermauntersuchungen bei Infertilität durchführen würden, sich besser „Andrologen” nennen sollten. Das war eine Formulierung, die sich aus der Beobachtung der täglichen Praxis ergab und bei welcher dem bis dato geltenden Umsatz widersprochen wurde, der da hieß: „Da der Dermatologe zugleich auch Venerologe war und dementsprechend mit den Komplikationen und den Folgen einer unbehandelten Gonorrhoe beschäftigte, deshalb sei er auch für die Untersuchung des Mannes auf seine Zeugungsfähigkeit zuständig”. Diese Begründung entsprach allerdings einer Wunschvorstellung, der seitens der entsprechenden Fachgesellschaft nicht die notwendige Unterstützung zuteil wurde. Man muß das so scharf formulieren, denn es steht ausser Frage, dass die Andrologen in der Dermatologie immer als ein notwendiges Übel angesehen worden sind..


Die Andrologie hat sich aus einer sehr kleinen Zelle entwickelt. Diese Zelle war an den Hautkliniken Deutschlans lokalisiert. Zwar hat es auch anderswo derartige Bemühungen einer weniger konzentrierten Etablierung von andrologischen Einheiten gegeben. Es lässt sich aber feststellen, dass in Deutschland ein sehr wesentlicher Ausgangspunkt anzusehen ist. Es ist schwierig die hierfür verantwortlichen Gründe zuverlässig zu eruieren. Insbesondere gibt es keine Erklärung dafür, warum diese Entwicklung ausgerechnet an den Dermatologischen Universitätskliniken geschehen konnte. Es bleibt, dass die im Nachhinein festzustellende Entwicklung zunächst von Einzelpersonen realisiert wurde, woraus sich im Laufe der Jahre sog. Speziallaboratorien für die Fertilitätsdiagnostik beim Manne entwickelten, die dann später zu Spezialabteilungen aufstiegen. Das traf beispielsweise für Berlin, Köln, München, Tübingen, Leipzig, Jena, Giessen, Marburg und Hamburg zu, welche die Bezeichnung „Andrologie” für ihre Einheiten wählten. Demgegenüber verwendete man im sog. Ostblock dei Bezeichnung „Sexologie”, was in der Bundesrepublik schon deswegen abgelehnt wurde, weil mit Andrologie mehr verbunden war als nur die sexualwissentschaftliche Seite der entsprechenden Tätigkeit. Nichtsdestoweniger übten sowohl die „Andrologen” als auch die „Sexologen” die gleiche Tätigkeit aus. Beide Gruppen trafen sich zu jeweils speziellen Kongressen, tauschten dabei ihre jeweiligen Erfahrungen aus und haben aus diesen Gründen die Möglichkeiten eines Kontaktes miteinander, woraus sich dann im Laufe der Jahre über eine Kontaktmöglichkeit zu den ausländischen Fachvertretern die Voraussetzungen auch zu einem organisatorischen Zusammen­schluß auf internationaler Ebene ergab. Es sei an das Comite International de Andrologia erinnert (CIDA), sowie an den European Andrology Club, in welchem eine Vereinheitlichung der sog. Normwerte des Ejakulates angestrebt wurde.


Nachdem wir bisher die Entwicklung der Andrologie im nationalen Bereich mit Fühlern auf das internationale Parkett erörtert haben, müssen wir uns jetzt mehr überregionalen Entwicklungen zuwenden. Dazu gehört an erster Stelle die Bekanntmachung dieser neuen medizinischen Disziplin in den Medien und die Möglichkeit einer Zusammenfassung der nationalen ind internationalen Aktivitäten mit Hilfe eines Publikatiosorgans, in welchem die verschiedenen andrologischen Einheiten ihre Forschungsergebnisse mitteilen konnten. Der Versuch von C. Schirren, mit Hilfe der großen deutschen Verlage eine andrologische Zeitschrift ins Leben zu rufen, scheiterte, da man der Meinung war, die Andrologie sei ein zu kleines Fachgebiet, als dass sich dafür ein solches Projekt lohnen würde. Im Grosse-Verlag Berlin bot sich dann die Möglichkeit ein solches Fachorgan ins Leben zu rufen, wobei allen Beteilgten klar war, dass es sich hier um ein unter Umständen erhebliches finanzielles Risiko handeln würde. Mit der ersten Ausgabe konnte im Jahre 1968 begonnen werden und zwar mit vier Ausgaben pro anno. Dieser Umfang sollte einige Jahre so bleiben, wobei allerdings das Volumen eines Jahrganges sich zunehmend vergrößerte. Jeder Beitrag erhielt eine deutsche und englische Zusammenfassung, wie die Beiträge selbst ebenfalls sowohl deutsch als aus englisch gehalten werden konnten. 1974 kam das Comite International de Andrologia (CIDA) hinzu, was die Aufnahme einer spanischen Zusammenfassung bedeutete. Jetzt trat auch die American Society of Andrology als Herausgeber hinzu. Der Bekanntheitsgrad der Andrologia nahm Gestalt an, was u.a. auch aus dem Umfang jedes Jahres-Bandes auf circa 500 Seiten hervorging. Die Zusammenarbeit mit CIDA scheiterte daran, dass von dieser Organisation finanzielle Forderungen an den Verlag gestellt wurden, die dieser nicht erfüllen konnte und auch nicht wollte. Zu dieser Zeit wurden 6 Hefte pro anno publiziert. Im Jahre 1990 konnte Volume 22 erscheinen. Dieser Jahrgang umfaßte 612 Seiten plus Suppl. I/90 mit 218 Seiten. Zu dieser Zeit wurde Androligia an Blackwell verkauft und erschien fortan in einem neuen Erscheinungsbild mit Großformat. Die bisherigen Buchrezensionen und Literaturhinweise entfielen jetzt.


Der Kreis  der Herausgeber und Mitglieder der Schriftleitung umfaßte u.a. Vertreter der Dermatologie, der Gynaekologie, der Veterinaermedizin, der Endokrinologie and diente damit dem Nachweis, dass man Interessenten aus anderen Gebieten der Medizin in das Vorhaben der Andrologie einbinden wollte. Dieses Vorgehen bewährte sich und trug darüber hinaus dazu bei, dass der Gedanke der Andrologie in der Medizin vermehrt Gestalt annahm. Mit Recht kann man davon sprechen, dass die Andrologie sich als Spezialdisziplin der Medizinischen Wissenschaft einen festen Platz erworben hatte. Es konnte daher nicht ausbleiben, dass andere Fächer sich daran erinnerten und in ihren eigenen Reihen nach hinreichend Gründen suchten, um die Andrologie für sich zu beanspruchen. Das geschah jedoch nicht in offener Feldschlacht, sondern mehr in internen Diskussionen sowie in den jeweiligen Fachblättern und in den offiziellen Gremien der Bundesrepublik. Diese Strategie sollte vor allem das Erscheinungsbild des eigenen Faches verbessern und erweitern mit dem Anspruch, dass auch die eigene Spezialität etwas mit der Fortpflanzung beim Menschen zu tun habe und dass daher durch einen Zugewinn mit der Andrologie eine Erweiterung des eigenen Fächerkanons gewonnen wurde. Auf diese Weise gab es Aktivitäten vor allem bei der Urologie. Ich denke hier an die Kontakte zu Wolfgang Knipper. Die Etablierung der Fortpflanzungsmedizin führte ebenfalls dazu, dass man die Andrologie quasi als eine Art Angleichung an die gynaekologische Endokrinologie anzusehen begann, um die Fortpflanzung beim Menschen in des Wortes wahrer Bedeutung „vollständig” zu machen. Diese Entwicklung fand die Andrologie in ihrer schwächsten Situation, die zwar Bemerkenswertes dadurch geleistet hatte, dass sie aus sich heraus eine neue wissenschaftliche Disziplin geschaffen und zu internationaler Anerkennung geführt hatte, anderseits aber nicht in der Lage gewesen ist sich als selbständige Einheit darzustellen. Wir sollten nicht vergessen, dass die Andrologie sich in Deutschland aus bzw. in der Dermatologie entwickelt hatte, dass ihr aber der Charakter einer Selbständigkeit wie z.B. Haushaltsrecht u.v.a.m. nicht zugestanden worden war. Sie war dementsprechend abhängig „in” und „von” der Dermatologie. Das ist andernorts nichts anders gewesen, wenngleich nicht überall in Europa die Andrologie so enge Beziehungen zur Dermatologie hatte wie es für Deutschland charakteristisch gewesen ist. Für die Bundesrepublik ist es z.B. für die gegenwärtige Situation charakteristisch, dass einige der seit Jahren bestehenden andrologischen Spezialabteilungen aufgelöst und stattdessen in Spezialeinheiten für experimentelle Dermatologie umgewandelt worden sind. Daraus kann man nur die Schlussfolgerung ableiten, dass die jeweiligen Fakultäten die Bedeutung der Andrologie in ihrem Zuständigkeitsbereich nicht erkannt haben und stattdessen neumodischen Vorhaben die Tür geöffnet haben.


Als Beleg für die gegenwärtige Entwicklung möge das folgende Beispiel dienen: Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf besteht seit 1951 eine Abteilung für Andrologie. Seit einiger Zeit hat sich in diesem Klinikum ein „Institut für Männergesundheit” im Zentrum für Operative Medizin-Klinik und Poliklinik für Urologie etabliert. Nicht ganz zu Unrecht muß man sich fragen, was eine derartige Doppelbesetzung innerhalb einer Fakultät eigentlich bewirken soll. Aus welchen Gründen hat man an verantwortlicher Stelle hier nicht rechtzeitig eine Entscheidung getroffen, die beiden Institutionen gerecht werden konnte? Aber möglicherweise haben hier auch interne Machtkämpfe stattgefunden. Den Belangen der Andrologie ist damit jedenfalls kein Dienst erwiesen worden.


Wenn wir von dem bisher Gesagten zur Berücksichtigung des mir gestellten Themas zurückkehren, dann ergibt sich, dass die Andrologie niemals den Anspruch für sich erhoben hat, eine isolierte Stellung innerhalb der Medizin einzunehmen, vielmehr hat sie ihre Aufgabe vor allem darin gesehen, andere Spezialitäten der Medizin bei sich einzubinden und ist somit zu einem verbindenden Element innerhalb der Medizin geworden. Das gilt für alle medizinischen Fächer, die irgendwie Beziehungen zur Andrologie haben einschließlich der Psychologie, die auch kein Eigenleben führen kann, sondern von den Interessen und Wünschen der anderen klinischen Fächer abhängig ist. Ebenso gilt das für die Anatomie und pathologische Anatomie.


Das lässt sich an einigen Beispielen überzeugend belegen: So ist es für den Anatomen nicht gleichgültig, wenn er Hodengewebe zu untersuchen hat, wie der makroskopische Befund des Hodens und seine Consistenz beschaffen sind. Oder: wie will ein Psychologe seine Schlußvolgerungen ziehen, wenn er nicht über die organischen Befunde eines Mannes informiert ist anhand eigener Befunderhebung. Schließlich wird es für einen Endokrinologen von Bedeutung sein, wenn er eine endokrine Störung zu beurteilen hat und keine Informationen darüber besitzt, welche organischen Befunde der Androloge erhoben hat... Hinzu kommt die Notwendigkeit des Informationsaustausches zwischen den Vertretern der verschiedenen Disziplinen, ohne die eine qualifizierte Betreuung des andrologischen Patienten nicht denkbar ist. Dementsprechend kann es auch nicht sein, dass man die Andrologie etwa als eine Art von Spezial­labora­torium zur Untersuchung des Mannes bei Kinder­losigkeit oder bei funktionellen Störungenden der Sexualität behandeln würde. Andrologie ist eben doch mehr als ihr gemeinhin immer noch unterstellt wird. Aus diesen Gründen kann man die Andrologie auch nicht als einen isolierten Spezialzweig in der Medizin ansehen. Dafür sprechen jahrzehntelange eigene Erfahrungen auf diesem Gebiet, die zu einer allgemeinen Anerkennung der Andrologie als Teil der Medizin geführt haben und für die in der Andrologie Tätigen eine besondere Bedeutung haben, die durch die Bundesärztekammer in Deutschland dadurch eine Aufwertung erfahren haben, dass in Zukunft nur der Arzt noch andrologisch tätig werden und seine Leistungen bei der zuständigen Krankenkasse abrechnen kann, der entsprechend den Richtlinien für die Ausbildung in Andrologie seine Qualifizierung nachgewiesen hat. Jeder Androloge hat damit das Recht erworben, auf dem Praxisschild auch einen Zusatz anbringen zu dürfen, der ihn als Andrologen ausweist.


Ich komme damit zu Schluß, in welchem wir uns die Fragen vorlegen müssen: Was bedeutet uns Andrologie heute und wie wollen wir die Andrologie heute einordnen?


Als maßgebend sehe ich dabei vor allem, dass die Andrologie nicht etwa eine uns von anderer Seite vorgesetzte neuartige medizinische Konstruktion ist, sondern von uns selbst entwickelt wurde, die im Rahmen der Medizin insofern eine besondere Stellung einnimmt, als sie Berührungspunkte zu den anderen Disziplinen aufweist und nur durch diese Funktion eine Besonderheit darstellt. Denn ohne die Andrologie wäre eine Erforschung der Fortpflanzungsfähigkeit des Mannes und eine sinnvolle Therapie der entsprechenden Störungen nicht möglich.


Die Andrologie ist also nicht etwa als ein sogenanntes „Speziallabor” anzusehen, das man bei einigen anderen Disziplinen zuordnen kann und in welchem keine klinische Untersuchung des Mannes mehr Hauptgegenstand der ärtzlichen Tätigkeit ist. Insofern muß die Andrologie auch einen Selbstständigkeitsstatus beanspruchen und wahrnehmen. Anderfalls wäre sie lediglich ein Anhängsel an eine andere medizinische Disziplin ohne die Möglichkeit einer Entfaltung und Entwicklung und ohne die sachgerechte Betreuung des männlichen Patienten.

 

 

* Voortag anlässlich der Jahrestagung der Ungarischen Gesellschaft für Androligie 4–6. November 2010. in Bikal.

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